Sketche – 400 Jahre Ferdinandeum

Text: Peter Papst

Erzähler(E) erscheint irgendwo im Raum.

E:      Das Ferdinandeum ist nun 400 Jahre alt. Lassen Sie uns zurückblenden – wie war Schule damals – in der Zeit der Jesuiten – als das Ferdinandeum noch eine Lateinschule war?

Die folgende Szene könnte sich so zugetragen haben. Wir erheben allerdings keinen Anspruch auf Wahrheit – die handelnden Personen sind bis auf eine nicht frei erfunden- Professor Guldin war Lehrer der mathematischen Fächer, ihm wird der Lehrsatz der „Guldinischen Regel“ zugeschrieben, außerdem stand er mit Johannes Kepler in Verbindung – Johann Eberhard Nidhard war Schüler im Ferdinandeum, später Rechtsprofessor in Graz, schließlich Kardinal und Großinquisitor in Spanien – Johann Josef Fux , der bekannte Barockkomponist, war ebenfalls Schüler des Ferdinandeum– na ja, nichts Genaues weiß man nicht

 

17. Jahrhundert – Schulklasse der von Jesuiten geführten Lateinschule – 3 Bänke, Katheder, Kerzen auf den Tischen

Kleidung der Schüler: dunkelblaue Mäntel, Pluderhose, weiße Stutzen – Mädchen trägt gelockte Perücke

Personen:

 

G tritt auf, in Gedanken versunken, die Bibel murmelnd rezitierend, schließt die Bibel und wendet sich anschließend den Schülern zu - N und M sitzen nebeneinander

G:         So lasset uns nun zur wöchentlichen recapitulatio omnis generalis schreiten. Zur disputation treten an – äh... Nidhard und Fux!

N:        Bitte, der Fux fehlt. Wenn Sie jedoch wünschen ...

G:         Nix wünsch ich, wo ist der Fux?! Jedes Mal dasselbe mit diesen pauperi, die bringen mich noch ins Grab, diese Bettelstudenten!

N:        Jawohl, Herr Professor, da bin ich ganz Ihrer Meinung, wenn heute schon jeder Tagwerkersohn und Weinzierl unser Kollegium besuchen darf, geht es mit der Bildung bergab.

G:         Bravo, Nidhard, Sie werden es noch weit bringen!

N:        Auf den Scheiterhaufen mit ihnen!

G:         Wissens was, werdens Inquisitor in Spanien!

N:        Zuerst werde ich aber noch Kardinal.

Fux schleicht sich herein, seine Kleidung ist unordentlich – G bemerkt ihn und stellt ihn zur Rede

G:         Fux, wo war er? Wisse er nicht, dass heute Samstag ist und er zur disputation anzutreten hat?

F:         Ich bitte viele Male um Vergebung, habe ich doch bei einer Hochzeit musiziert.

G:         wendet sich entsetzt ab und bekreuzigt sich - in nomen patri et filii et spiriti sancti.

N:        Wie ordinär!

F:         Na wegen dir werde ich nur Gott gefällige Musik spielen – Barockjazz, das ist gefragt.

G:         Silentium! Ihr Gespiele ist doch extra ordinem, so etwas hört sich doch kein anständiger Mensch an! – Wo glaubt er, wo er hier ist?!

Wir beginnen mit der disputation. Nidhard, was besagt die von mir aufgestellte „Guldinische Regel“?

N:        Jede geometrische Größe, die durch Rotation einer Linie oder Fläche entsteht...

G:         Sehr gut! - Incognitus – weiter!

I:         ... Äh… also...diese Größe, sie ist…äh …gleich dem Produkte der erzeugenden Größe mit dem Weg ihres Schwerpunktes.

G:         Fux, haben Sie das endlich verstanden?

F:         Nein, Herr Professor, aber ich werde ohnehin Kompositör, da brauch ich das nicht.

Hauptsache ich bekomme in ein paar hundert Jahren meine Gedenktafel an der Hauswand.

G:         Wo bleibt die Demut und der Wille zur Allgemeinbildung – wenn das mein Freund Kepler wüsste! Wäre das Handy schon erfunden, ich tät ihn auf der Stelle anrufen– nehmen Sie sich ein Beispiel an Ihren Kommilitonen! Incognitus möge Ihnen als Vorbild dienen, trotz seiner blond gelockten Perücke.

N:        Hinweg mit diesem Modefirlefanz! Nur die Reinheit des Geistes zählt in diesem Hause! – reißt I die Perücke vom Kopf

            Uah! Eine weibliche Person – Incognitus ist ein Weib – ah!

lässt die Perücke angewidert fallen

F:      acht schallend Ha, ha, super! Eine Frau in den geheiligten Hallen des Ferdinandeum!

G:         Also... ah ...äh, wie soll ich das verstehen? Hat sie keine Scham im Leib? Was will sie hier?

I:         Ich möchte auch etwas lernen. Ich weiß, ich kann es ebenso gut.

G:         Bildung will sie? Sie ist ein Weibsbild, das hat aber nichts mit Bildung zu tun - da ist sie leider um ein paar Jahrhunderte zu früh dran.

N:        Auf den Scheiterhaufen mit ihr, verbrennt die Hexe – im Namen Gottes, verbrennt sie!

F:         Halt er sein Maul, noch bist du nicht Großinquisitor!

I:         Ich bin um keinen Deut schlechter oder fauler als meine Kommilitonen hier, ich möchte lernen, ich möchte die gleichen Rechte, die gleichen Chancen...

G:         Mein liebes Fräulein! In der katholischen Kirche ist noch nie eine Frau etwas geworden...

N:        Und so wird es auch bleiben! Es heißt zwar Mutter Kirche, sie wird aber von Männern gemacht – und damit basta!

G:         Nidhard, schweige er! Mein Fräulein, schauen Sie – versuchen Sie es in 400 Jahren wieder, da können Sie dann in der Steiermark werden, was Sie wollen - Schuldirektor, Religionsinspektor, Stadtrat, Landeshauptmann oder Unterrichtsminister– aber bitte noch nicht jetzt –

            Die disputation ist beendet!

 

E:      Die Zeiten ändern sich - oder tempora mutantur, wie die Jesuiten sicherlich zu sagen pflegten. Aus ihrer Lateinschule entwickelte sich eine Bürgerschule.

        Im 19. Jahrhundert legte man in Österreichs Schulen bereits auf ganz andere Dinge wert – außerdem –auch Mädchen durften die Schule besuchen.

Bürgerschule – 3 Bänke – davor ein Katheder

Kleidung der Schüler: einfaches Leinenhemd, knielange Hose mit Hosenträger bzw. langes, einfaches Leinenkleid – Lehrer mit Anzug, steifer Kragen, Brille, Mittelscheitel

Personen:

·         Oberlehrer Josef Nusser (N)

·         6 Schüler/innen (Sch)

·         5 Lehrer (L)

Pausenlärm – Glocke wird geläutet

Sch:     Achtung, der Nusser kommt!

alle stürmen auf ihre Plätze, stehen stramm - Nusser erscheint, wirft Bücher auf den Tisch, blickt streng in die Klasse

N:        Guten Morgen, Hände an die Hosennaht, setzen!

Sch. setzen sich gerade hin, Hände werden auf den Tisch gelegt – Nusser spaziert zwischen den Bänken herum, während er spricht

 

Euer Benehmen und Auftreten lässt , wie ich soeben im Kollegium vernommen habe, sehr zu wünschen übrig. Es ist meine unbedingte Pflicht als Lehrer und Soldat, euch ein wahrhaft sittliches Verhalten, Pflicht- und Ehrgefühl beizubringen. – Wilhelm, sitz gerade –

richtet ihn unsanft mit dem Zeigestab zurecht –

Berta! Wo sind deine Hände?! Leg deine Hände auf den Tisch!

fuchtelt mit dem Zeigestab vor ihren Händen herum – Berta legt sie zaghaft auf den Tisch

Deine Fingernägel sind schmutzig. Du widersetzt dich der Schulordnung. Wie sollen aus euch jemals tüchtige und anständige Untertanen des Kaisers werden, wenn ihr die einfachsten Vorschriften missachtet! Schämet euch! Was besagt die Hausordnung, respektive die Schulordnung – auf, wir wiederholen!

 

Schüler stehen auf – ihnen gegenüber sitzen die Lehrer –

Nusser dirigiert abwechselnd die Schüler und die Lehrer –

der folgende Text wird abwechselnd L/Sch gesprochen bzw. gerufen

Sch:     Wir Schüler sollen einen offenen und edlen Charakter bekommen

L:         Wir haben mit den gesetzlich erlaubten Mitteln auf Gemeinsinn und Vaterlandsliebe hinzuwirken

Sch:     Wir haben pünktlichen Gehorsam und anständiges Betragen zu lernen

L:         Dafür dürfen wir die pädagogisch bewährten Mittel einsetzen

Sch:     Wir müssen anständig, gerade, mit dem Rücken angelehnt und in den Reihen hintereinander sitzen

L:         § 28 – Beim Gehen und Stehen verlangen wir von den Schülern eine gerade, aufrechte und jede Schlaffheit vermeidende Haltung

Sch:     Unsere Hände liegen geschlossen auf der Schultafel und die Füße haben wir parallel auf den Boden gestellt

L:         Die Befriedigung der körperlichen Bedürfnisse hat in den Pausen zu erfolgen, die Schüler haben nicht zu lange auf den Aborten zu verweilen

Sch:     Unser Gesicht, die Ohren, der Hals und die Hände sind gewaschen – die Haare sind gekämmt

L:         Kinder mit ekelhaftem körperlichen Zustand behaftet, der eine ansteckende Krankheit befürchten lässt, sind aus dem Unterricht zu entfernen

Sch:     Wir müssen dem Lehrer fest ins Auge schauen, damit Sprechen, Lachen, Flüstern und Essen unmöglich ist

L:         (im Chor) Bei Übungen im Gesange ist das Stimmorgan vor allen verderblichen Einflüssen zu bewahren

Sch:     (im Chor) Unsere Bücher haben auf dem Brett vor der Schultafel zu liegen

L:         (im Chor) Das Büchertragen unter dem linken Arme ist untersagt, Schüler haben ein Ränzlein zu tragen

L/Sch:  Für Gott, Kaiser und Vaterland!

Licht aus

E: Na, das waren Zeiten. Wussten Sie eigentlich, dass Junglehrer früher in vielen Schulen vor dem Unterricht die Kohleöfen in den Klassen selber einheizen mussten? – Wir haben keine Junglehrer mehr. Ich kann Ihnen aber versichern, unsere Hausordnung hat sich in manchen Punkten verändert. Außerdem bewegen uns heutzutage ganz andere Dinge.

21. Jahrhundert

Klasse, 3 Bänke, Katheder an die Tische heran gezogen

Personen:

·         Lehrer

·         4 Schüler

Pausenlärm – Glocke läutet – Sch. reagieren nicht – L. betritt die Klasse

L:         Guten Morgen, setzt euch bitte, ach ihr sitzt eh schon.

Schülergemurmel wird etwas leiser

            So, ich habe euch die angekündigte Wochenplanarbeit mitgebracht...

            nestelt Arbeitsblätter aus seiner Tasche und beginnt sie auszuteilen

Sch1.:   Na – bitte, nicht schon wieder eine Wochenplanarbeit!

L:         Wieso denn nicht? Bitte, ich bemühe mich, dass ich euch zu selbstverantwortlichen Menschen erziehe...

Sch2.:   Mit einer Wochenplanarbeit nach der anderen?

L:         Bitte, Kinder –ihr tut so, als ob wir nichts anderes täten. Schauts, wir Lehrer müssen uns ja auch ständig weiterbilden, und ohne Wochenplanarbeit geht heutzutage nix mehr, glaubt mir das. Da steckt  soviel dahinter, das könnts euch gar nicht vorstellen.

Sch3.:   Vor allem Zetteln!

L.:         Nein, nicht nur Zetteln – Teamwork, Teamfähigkeit, Eigenverantwortung ...

Sch4.:   Und warum bekommt dann der Kevin die gleiche Note wie ich, obwohl er nur von mir abschreibt – das ist Teamwork, oder?

Handy läutet – alle Sch.  suchen ihr Handy –

Sch.:    Hallo ... hallo ... hallo …

L.:        Kinder, Handys sind in der Schule verboten, das wisst ihr ja – steht sogar in der Hausordnung.

Handy läutet noch immer – alle Sch sehen den L. an – dieser holt sein Handy heraus – telefoniert

L.:        Na, bitte nicht jetzt, ich habe gerade Unterricht – ein halbes Kilo Faschiertes? Und einen Salat auch noch – ja – gut – bringe ich mit - Bussi, baba.

            legt auf – Dienstgespräch! Reines Dienstgespräch– Wo waren wir gerade – ach ja, beim Teamwork.

Sch4:   Bin ich jetzt nicht teamfähig, nur weil ich ihn nicht abschreiben lassen will?

L.:        Schau, Teamfähigkeit muss man lernen, bei einem geht es schneller, beim anderen eben etwas langsamer - und ich bin euer Coach. Übrigens, die meisten Aufgaben könnt ihr mit dem Computer lösen.

Sch1.:   Super, da brauch ich die Antworten nur mehr im Internet zu suchen – wozu selber denken, wenn man so ein Kastl hat, das nennt man Online Shopping für den Schulgebrauch.

Sch2.:  Genau, ich weiß zwar nicht, was ich damit anfangen kann, dafür habe ich es schneller gefunden. Ich frage mich, wozu wir überhaupt noch hierher kommen, wenn wir das ohnehin auch von zuhause aus machen könnten.

Sch3.:  Das wär klass – ich schalt ein, wenn’s mir passt, ich schalt aus, wenn’s mir passt - und wenn Deutsch ist, schalt ich überhaupt nicht ein. Sind Sie dann nicht überflüssig?

L.:        Bevor es soweit kommt, geh ich in Pension.

Sch4.:  Ich habe mir gerade die erste Frage der Wochenarbeit durchgelesen, ich kann das nicht, ich hab die Rechnung noch nicht verstanden. Können Sie die bitte noch einmal erklären?

Sch2.:  Schreibt man „vielleicht“ mit einem l oder mit zwei?

Sch3.:  Hat der Papst eine Frau?

Sch4.:  Darf man als Lehrer die Intelligenz der Schüler in Frage stellen?

Sch1.:   Ergibt minus mal minus immer ein Plus?

Sch2.:  Wann wurde die Kaffeemaschine erfunden?

Sch3:   Haben wir bis morgen eine Hausübung?

Sch4.:  Ersetzt der Computer unser Denken?

Sch1.:   Darf ich mich zur Jaqueline setzen?

Sch2.:  Müssen wir das mitschreiben?

Sch3.:  Kann ich mit dem Internet auch fischen?

Sch4.:  Ist der Big Apple eine eigene Züchtung?

Sch1.:   Haben wir auch ein Recht auf Jause?

Sch2.:  Wurde die CD in Rom erfunden?

Sch stellen die Fragen in immer eindringlicher und  rascherer Abfolge

alle:     Wie geht das?

L.:        Gott sei Dank, ich bin doch noch nicht überflüssig.

Sch3.:  Darf ich bitte aufs Klo?

Licht aus

 

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